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Geschichte

Christian Josef Tschuggmall (1785-1845)
Tiroler Autodidakt und Erfinder

Christian Josef TschuggmallDer Kunsttischler, Mechaniker und Automatenbauer Christian Josef Tschuggmall gehört zu den verkannten Genies Alttirols. Sein Lebensweg ist typisch für viele technisch hochbegabte Tiroler, denen in der Sackgasse von Armut und mangelnder Förderung ein bleibender Erfolg versagt blieb.

Tschuggmall wurde am 19.1.1785 in Wenns im nordtirolischen Pitztal geboren. Trotz ärmster Verhältnisse gelang es ihm, sich grundlegende Kenntnisse als Tischler anzueignen, mit 18 Jahren wurde er Maschinist in einer Baumwollfabrik in Imst, beteiligte sich 1809 als Hauptmann des Landsturms am Tiroler Aufstand und versuchte sich anschließend in Schwaz eine Existenz als selbständiger Tischler aufzubauen. Von seinen Zunftkollegen vertrieben, ließ sich Tschuggmall zeitweilig in Vorarlberg nieder. Begleitet wurde er von seiner Frau Elisabeth Posch und seinen Kindern. In seiner dürftigen Lage erreichte ihn der Ruf seines Schwagers Josef Posch, Domprediger und Vertrauter des Brixner Bischofs Karl Franz- von Lodron, der ihn zur Übersiedlung nach Brixen ermunterte. Mit seiner Familie ließ er sich in Vahrn nieder und arbeitete als Drechsler und Seifensieder. Wichtige Aufträge des Bischofs, der bei ihm Krippenfiguren bestellte, halfen Tschuggmall weiter, bis er 1819 bei einer Überschwemmung seinen Besitz verlor.

FigurUngefähr zur gleichen Zeit gastierte in Brixen der Kunsttischler, Krippenschnitzer und "Mechaniker" Matthias Tendler, dessen "mechanische Kunstreiter und Seiltänzer" großes Aufsehen erregten. Bischof Lodron bot nun dem verarmten Tschuggmall an, gegen Versorgung auf Lebenszeit ein ähnliches Figurenkabinett zu konstruieren. Seit 1820 arbeitete Tschuggmall an diesem Vorhaben und bildete sich als Schlosser, Uhrmacher und Bildhauer aus, um den bischöflichen Auftrag erfüllen zu können. Tatsächlich gelang es ihm, bis 1828 sein eigenes großes "Kunst- und Automatentheater" fertigzustellen, das er in mehreren öffentlichen Vorführungen präsentierte. Der greise Bischof Lodron wohnte einer Aufführung kurz vor seinem Tode (1826) persönlich bei.

Nach dem Tod seines Gönners musste sich Tschuggmall mit seiner Familie als Schausteller durchbringen und zog von 1830 bis zu seinem Tode (26. 11. 1845) durch ganz Europa. In Wien trat er vor dem Kaiserpaar persönlich auf, er gastierte in Prag, Dresden und Hannover und zog ab 1834 über Galizien bis nach Russland, wo er in Petersburg auch vor der Zarenfamilie brillierte. Unter schwierigsten Umständen gelangte er mit seiner Familie nach Österreich zurück, von wo aus er den zentraleuropäischen Raum bereiste. Am 26. November 1845 starb Tschuggmall auf dem Weg nach Hessen an einem Schlaganfall. Sein Automatenkabinett wurde von seiner Tochter und deren Mann weitergeführt, bis um 1870 das Interesse an den Automaten einschlief.

1886 kaufte Michael August Schichtl, der berühmte "Tapa Schichtl" vom Münchner Oktoberfest, das Tschuggmall'sche Theater samt allem Zubehör. 1955 und 1962 erwarb das Stadtmuseum München von Schichtls Nachkommen 13 von Tschuggmalls Figuren; sie gehören seither zu den wertvollsten Stücken der Puppentheatersammung des Münchner Stadtmuseums.

Die Bedeutung Tschuggmalls liegt in seiner Fähigkeit, seine verschiedenen handwerklichen Fertigkeiten erfolgreich zu kombinieren. Durch seinen eigentlichen Beruf, die Tischlerei und seine Tätigkeit als Maschinist, Drechsler und Büchsenmacher hatte er bestimmte Grundkenntnisse, die ihn als Konstrukteur mechanischer Figuren qualifizierten. Es gelang ihm Holzkörper mit Metallachsen zu verbinden, um sodann die Glieder und Gelenke seiner Puppen nach mechanischen Prinzipien möglichst naturecht zu bewegen. Der Antrieb über Hebel und Kurbeln wurde durch Gestänge, Züge, Federn, Rollen etc. in einem komplexen Übertragungssystem fein gesteuert. Die liebevolle Gestaltung der Figuren nach anatomisch richtig wiedergegebenen Proportionen erhöhte zusätzlich die Wirkung seiner Figuren. Dies geschah weitgehend ohne Vorbilder, und man kann heute nur erahnen, unter welchen Schwierigkeiten der Autodidakt Tschuggmall zu seinem Begriff des "Mechanischen" gelangte.

BewilligungSeine Figuren baute der Konstrukteur, der erst mit 20 Jahren mühsam lesen und schreiben gelernt haben soll, allein nach Phantasie und Gedächtnis, ohne sich Aufzeichnungen zu machen, geschweige denn Berechnungen anstellen zu können.

Vor seinem Publikum betonte Tschuggmall zu Recht, dass die mühsam gebauten Figuren nicht etwa ein gewöhnliches Puppenspiel seien, "sondern ein, als Bereicherung der höheren Mathematik und Physik anerkanntes Kunsttheater". Zweifellos hätte Tschuggmall unter günstigeren Lebensumständen einen qualifizierten Platz als Ingenieur/Konstrukteur in der aufstrebenden Industrielandschaft Österreichs finden können. Mangels optimaler Lebenschancen musste sich der hochbegabte Mann jedoch als Schausteller durchschlagen. Immerhin fand er in Brixen und bei Fürstbischof Lodron ein Mindestmaß an Förderung und Anerkennung, das den Anstoß für seine künftige Karriere bot.
Die Benennung der Landesberufsschule nach Johann Christian Tschuggmall war ein wichtiger Akt der Aufwertung des "ersten Tiroler Kybernetikers" (Inga Hosp) und ein mahnender Hinweis darauf, wie notwendig ausreichende Bildungsqualifikationen zum persönlichen Fortkommen und zum gesellschaftlichen Fortschritt sind - ganz besonders im vormals "armen Tirol".

"ausführliche Erwähnung der Lebensgeschichte Christian Josefs Tschuggmalls" gab es bereits im "Biografischen Lexikon des Kaiserthums Österreich" von "Constant von Wurzbach-Tannenberg", Ausgabe 1883